Ein urbanes Märchen.

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Juli 2019

“Es war einmal eine Yogalehrerin. Die war immer total glücklich und tiefenentspannt, weil sie ja soviel Yoga unterrichtete.”

Ende.

So ist es bestimmt auch in einem mir nicht bekannten Paralelluniversum, eine winzige Kleinigkeit einer “Einstein-Rosen Brücke” (Wurmloch in ein anderes Universum) von meinem jetzigen Standort entfernt.

Ich habe es ja nie geglaubt, aber es existieren wahnwitzig viele und extrem lustig/lästige Vorurteile über Yogalehrer.

Yogalehrer sind immer total entspannt. Nichts bringt sie aus ihrer Mitte – OM, digga.

“Du mußt ja irre entspannt sein mit so viel Yoga in Deinem Leben. Du regst Dich bestimmt auch über nichts mehr so richtig auf – das muß soooo toll sein!”

Mhm, laß mich kurz überlegen – nope. Und wieso auch? Hören die Alltagsprobleme und Sorgen, die jeder Mensch mal mehr mal weniger mit sich herum trägt, magischerweise auf, bloß weil ich Yoga praktiziere und unterrichte? Bin ich deswegen immun gegen doofe Menschen, miese Politik, wuchernde Augenbrauen, angebranntes Essen?

Bin ich nicht.

Meine Yoga- und Meditationspraxis hilft mir allerdings wesentlich gezielter dabei, mich genau mit diesen Dingen konstruktiver auseinanderzusetzen; ich komme durch eine eingeübte und oft praktizierte Selbstreflexion schneller an den Punkt zu wissen, was mich aufregt und was ich dafür tun kann, damit es mir wieder besser geht. Aber deswegen bin ich ja nicht ein emotionaler Flatliner. Yogalehrer haben auch Gefühle, jamann!! (Mein nächstes T-Shirt “Hug me – I’m a Yoga Teacher!” geht demnächst in den Druck…).

Yogalehrer sind mindestens Vegetarier, trinken keinen Kaffee und keinen Alkohol, sondern leben super organisch.

Puh. Auch eine Aussage, die sich hartnäckigst hält. Wie ich vorher schon erwähnte, sind Yogalehrer auch nur Menschen. Bitte verzeih, wenn Du mich Morgens triffst und ich keinen grünen Smoothie mit Extraglitter&Bananendeko aus Narnia schlürfe, sondern einen Kaffee. Mit Milch. Und mit Zucker. Oder Du mich mal Abends entspannt bei 1-2 Gin Tonics in einer Bar abhängen siehst. Ja. Ich unterrichte Yoga. Trotzdem. Und ich habe ein Leben. Das mir gefällt. Aber wenn es Dir nicht in den Kram passt, kann ich Dir nur freundlichst raten wegzugucken und Dich um Dich selbst zu kümmern. Denn dabei hat mir Yoga auch am meisten geholfen: Mich mal um mich selbst zu kümmern.

Ich bin dank Yoga zum Vegetarier geworden, was ich vorher niemals auch nur ansatzweise für möglich gehalten hätte (frag mal meine Latino Familie, die lachen mich immer noch aus). Und diese Art zu leben, hat mich über mehrere Lebensbereichs-Optimierungen nachdenken und z.T. auch umsetzen lassen. Ich bin deswegen nicht besser oder schlechter, als andere Menschen. Aber ich bemühe mich gefühlt etwas mehr und setze mich inzwischen auch mit den unbequemeren Themen des Lebens auseinander und schließe nicht gleich alle Schoten und mache dicht.

Yoga zu unterrichten ist total stressfrei und ein Traumjob.

So wunderschön es (meistens) ist, Yoga zu unterrichten, ist es eben auch ein Job, mit dem ich Geld verdiene. Und der macht mal mehr Freude, mal weniger. Das kommt meistens auf mein aktuelles Energieniveau an, wieviel ich geschlafen habe und wieviele Classes ich an einem Tag unterbringe. Witzigerweise sagen mir Menschen, wenn sie wissen, daß ich auch Yoga unterrichte, immer so ähnliche Dinge, wie: „Du mußt ja so unglaublich entspannt sein, wenn Du Yoga unterrichtest!“, und „Oh, den ganzen Tag Yoga machen, voll toll!“. Selbst mein Chiropraktor kann sich ein „Also Frollein Meyer-Christian, was haben Sie denn für eine Blockade am 6. Halswirbel! Sie sind doch Yogalehrerin! Heute noch kein OM gemacht?“ meistens nicht verkneifen. Jajaja, hahahah.

M-e-g-a-l-u-s-t-i-g.

Mit den Jahren des unterrichtens, kommt auch viel Erfahrung. Ich muß mich kaum vorbereiten, so wie ganz am Anfang; kann mich auf die Energie der Teilnehmer einlassen und “aus dem Bauch heraus” unterrichten. 

Und an manchen Tagen fließt es einfach nur harmonisch aus mir heraus. Ich finde den ganzen lieben Tag lang die richtigen Worte, kreative Flows wollen auf die Matte und ich schiebe meine Teilnehmer nach der Stunde wieder glücklich und entspannt ins echte Leben zurück. Solche Tage gibt es und es gibt auch andere Tage. Wie in einem normalen Job eben.

Nichtsdestotrotz bin ich an den meisten Tagen unglaublich dankbar dafür, daß ich Yoga weitergeben darf. Es ist eben auch ein schöner Job in extrem entspannten Klamotten.

Alle Yogalehrer sind ultraspirituell.

Wahrscheinlich kannst Du bereits mitsprechen: kann sein, muß nicht sein! Alle Yogalehrer, die ich bisher kennengelernt habe, sind super verschieden. Wir haben oftmals unterschiedliche Yogastile in unterschiedlichen Schulen gelernt. Aber selbst, diejenigen unter uns, die gemeinsam die gleiche Ausbildung im selben Institut absolviert haben, unterscheiden sich komplett voneinander in ihrer Art zu unterrichten. Dementsprechend hat jeder von uns auch einen anderen Zugang zu Spiritualität, manche mehr, andere weniger. Das ist ja auch das Spannende!

Wir lernen voneinander und wenn es auch nur ist, daß die viel gepriesenen ätherischen Öle, leider nicht die Welt retten, die Kristalle meine Handtasche einfach nur schwer werden lassen und Mantra singen doch nicht so meins ist. Voll in Ordnung.

Alle Yogalehrer sind rank & schlank und biegsam wie eine Brezel.

Arrrggghhhh. Ächz. Duhhhhhh. Whaaaaaa. Ich hätte da noch einige weiter unartikulierte gutturale Geräusche für dieses Gerücht auf Lager.

Ohne Worte. So was kann sich nur irgendeine Frauenzeitschrift ausgedacht haben, weil ein paar Models auf IG irgendwelche Turnübungen gepostet haben.

(Tiefes Einatmen…) aaaalso. Wir vorher bereits eingehend erwähnt, sind wir Yogalehrer keine Übermenschen. Wir sind einfach ganz normale Leute, denen Yoga zu unterrichten und zu üben unheimliche Freude bereitet, weil wir wissen, was es alles verändern kann. Aber auch nicht muß!! Ganz wichtig. Yoga wird so häufig als die Eingangstür zur Selbstoptimierungs-Fabrik mißbraucht, es ist wirklich zum heulen. Genau hier auf der Matte ist die Pausentaste von all dem Wahnsinn da draußen. Genau hier, darfst Du sein, wie Du eben bist und mit allem, was Du so mitbringst.

Leider greift der allumfassende Optimierungswahn “Höher, schneller, weiter” auch in der Yogabranche um sich und nicht selten werben Yogastudios plötzlich mit “Yogabodies – have one, be one” oder ähnlichem. Ein Sixpack und ein knackiges Hinterteil kann sicherlich eine Nebenwirkung täglicher Yogapraxis sein, ist aber soweit ich feststellen konnte, nicht mal annähernd eines der Punkte des 8fachen Pfades im Yoga . Höchstwahrscheinlich, weil es einfach scheißegal ist und weil Yoga Dir eigentlich mitteilen möchte, daß Du mehr bist als nur Dein Körper. Wesentlich mehr!

Es ist mega EGAL, was für eine Figur Deine Yogalehrerin hat. Wichtig ist eher, was sie Dir gibt, wofür sie steht und ob ihr Unterricht Dich lächelnd und zufrieden oder auch mal nachdenklich nach Hause gehen läßt.

4 Responses to Ein urbanes Märchen.

  1. Fredi sagt:

    Großartig geschrieben du Tolle Unterschreibe jedes einzelne Wort deines Artikels … meinem aktuellen Gemütszustand entsprechend das Shirt nehme ich dann, wenn es da ist

  2. Melanie sagt:

    Super Artikel und so wahr, danke danke danke

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